Kosmoprolet: Fragebogen zur Leiharbeit

21.11.2011

Der folgende Text, der in der dritten Ausgabe des Kosmoprolets erschienen ist, stellt einen ersten Versuch dar, unsere Intentionen einen Fragebogen zur Leiharbeit zu erstellen und zu verteilen, zu reflektieren. Außerdem enthält er bereits eine erste vorläufige Auswertung der bis zu diesem Zeitpunkt ausgefüllten Bögen.\ Der Fragebogen zur Leiharbeit kann noch immer online ausgefüllt werden.

1\ Anfang 2011 gab es circa eine Million Leiharbeiterinnen1{#footnoteref1_y8qrncx .see-footnote} in Deutschland. Dies ist der bisherige Höhepunkt der vierzigjährigen Entwicklung der sogenannten Arbeitnehmerüberlassung. Erstmals wurde diese 1972 gesetzlich geregelt, seit Mitte der 1980er Jahre kam es zu einer mehrstufigen Ausdehnung der »Überlassungsdauer«, das heißt der Zeitspanne, die Leiharbeiterinnen am Stück an einen Betrieb ausgeliehen werden dürfen. Blieb die Leiharbeit bis in die 1990er Jahre -- mit »nur« circa 140.000 Betroffenen im Jahr 19942{#footnoteref2_cj55d28 .see-footnote} -- noch ein Randphänomen innerhalb der Arbeitsverhältnisse, in das hauptsächlich besonders schlecht gestellte Gruppen, wie zum Beispiel unqualifizierte Arbeiterinnen und Migrantinnen, gezwungen werden, so kam es im Zuge der Reformen der rot-grünen Bundesregierung zu einer enormen Ausdehnung dieses Sektors. Die Höchstgrenze der Überlassungsdauer wurde, ebenso wie das Wiedereinstellungsverbot, völlig abgeschafft. Diese Liberalisierung führte zu einem regelrechten Boom der Leiharbeit. Von 2002 bis 2007 verdoppelte sich die Anzahl der Leiharbeiterinnen, die der Entleihbetriebe verdreifachte sich sogar.3{#footnoteref3_50d1mxs .see-footnote} Dass Unsicherheit nicht, wie die Gewerkschaften propagieren, aus dem Missbrauch der Leiharbeit resultiert, sondern deren Normalität und Zweck darstellt, zeigte sich deutlich beim Ausbruch der Krise 2008, als kurzerhand fast 180.000 Leiharbeiterinnen entlassen wurden.4{#footnoteref4_7xo8yul .see-footnote}

Die Liberalisierung und Ausdehnung der Leiharbeit ist aber keine singuläre Erscheinung, sondern Ausdruck der allgemeinen Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse, die sich seit den 1970er Jahren beobachten lässt. Jobs ohne Aussicht auf längere Beschäftigung, ständiger Wechsel des Wohnorts aufgrund ständig wechselnder Arbeitsplätze und Löhne, die nicht zum Überleben reichen, sind auch in den Metropolen des kapitalistischen Weltsystems keine Ausnahmeerscheinung mehr, sondern werden zum Normalzustand. Im Jahr 2010 waren hierzulande im Schnitt 1,383 Millionen Menschen wegen ihres niedrigen Einkommens zusätzlich auf Hartz IV angewiesen5{#footnoteref5_ito8r7o .see-footnote} und ungefähr zwei Prozent aller Lohnabhängigen befinden sich derzeit in Leiharbeit.6{#footnoteref6_79b9h64 .see-footnote}

Diese Flexibilisierung der Arbeits- und Lebensverhältnisse ist und war aber nicht primär das Werk bösartiger neoliberaler Think Tanks -- auch wenn es diese durchaus gibt -- die den guten, arbeiterinnenfreundlich gesonnenen Keynesianismus mutwillig zerstörten, sondern sind ebenso ein Produkt der Krise des Kapitals, die Anfang der 1970er einsetzte, wie auch eine Reaktion auf die Arbeitskämpfe seit Ende der 1960er Jahre.

2\ Das Ende des Keynesianismus hatte mehrere Gründe, die im Folgenden kurz angerissen werden sollen.7{#footnoteref7_lx1gw47 .see-footnote} Einerseits endete in den 1970ern die Boomphase des kapitalistischen Nachkriegszyklus, die, jedenfalls in den Metropolen, durch eine niedrige Arbeitslosigkeit, relativ stabile Arbeitsverhältnisse und eine starke Ausdehnung des Massenkonsums gekennzeichnet war. Dies galt aber auch in den westlichen Ländern nur für die Stammbelegschaften, nicht für die schon damals prekär lebenden »Ränder« der Arbeiterinnenklasse wie die besonders schlecht gestellten sogenannten Gastarbeiterinnen. Die immer weiter voranschreitende Ausdehnung der Kapitalisierung durch den Massenkonsum gelangte in den 1970er Jahren aber zu ihrem vorläufigen Ende. Gleichzeitig kam es in der Produktion durch die Nutzung neuer Technologien, vor allem des Mikrochips, zu einer außergewöhnlichen Produktivitätssteigerung. Die Folge daraus war, dass immer mehr Waren immer billiger und schneller produziert werden konnten, ohne dass der Markt schnell genug wachsen konnte, um diese Flut an Produkten abnehmen zu können. Die dem Kapitalismus inhärente Tendenz zur Überproduktion wurde dadurch krisenhaft. Neben die ständige Tendenz zur Überproduktion trat auch noch die durch die Konkurrenz zwischen den einzelnen Kapitalen hervorgerufene Neigung, einen immer größeren Anteil ihres Kapitals in Maschinen zu investieren. Dies führte zwar zu einer höheren Produktivität, aber auch zur Abnahme der Möglichkeit, den Mehrwert auch zu realisieren. Besonders durch die Einführung des Mikrochips kam es zu einer sprunghaften Verschiebung innerhalb des Verhältnisses zwischen konstantem Kapital (beispielsweise Maschinen) und variablem Kapital (Lohnkosten), das Marx als organische Zusammensetzung des Kapitals bezeichnet.8{#footnoteref8_0qp6d54 .see-footnote} Da Maschinen aber keinen Mehrwert produzieren können, wird der Anteil des realisierbaren Mehrwerts pro Ware geringer. Zum Ausgleich müsste mehr verkauft werden; unmöglich, wenn eine weitere Ausdehnung des Marktes nicht mehr möglich ist.

Andererseits kam es im selben Zeitraum weltweit zu massiven Arbeitskämpfen, die eine Zeit lang verhinderten, dass das Kapital seine Verwertungsschwierigkeiten durch eine Erhöhung der Ausbeutungsrate auf die Arbeiterinnen abwälzen konnte. In Frankreich konnte 1968 eine Steigerung des Mindestlohns SMIC um 35 Prozent (!) erkämpft werden, und auch in Sektoren, in denen der Mindestlohn nicht galt, wurden die Löhne aufgrund der Kämpfe um mindestens zehn Prozent erhöht. Parallel zu den Lohnerhöhungen schafften es die Arbeiterinnen, in den fünf darauf folgenden Jahren eine wöchentliche Arbeitszeitverkürzung von über sechs Stunden zu erkämpfen.9{#footnoteref9_2ofa0t8 .see-footnote} Obwohl die Lohnerhöhungen in Frankreich bald darauf von der steigenden Inflation aufgefressen wurden, bedeuteten die weltweiten Kämpfe für höhere Lohne und bessere Arbeitsbedingungen, dass die Verwertungskrise nicht sofort durch eine Intensivierung der Ausbeutung gelöst werden konnte; stattdessen führten sie zu einer Verschärfung der Krise.

3\ Das Kapital sah sich also aus zwei Gründen gezwungen, seine bisherige Produktionsweise zu ändern. Einerseits, um wieder profitabel produzieren zu können und einen Weg aus der Verwertungskrise zu finden; andererseits, um die Arbeiterinnenmacht zu brechen und die bisherigen Widerstandsformen des Proletariats unmöglich zu machen. Die Lösung war letztlich recht simpel, sie war in ähnlicher Form bereits zuvor praktiziert worden. Die Produktion wurde in einzelne Zweige aufgespalten und an weitere Standorte, zumeist in der Peripherie, verlagert. Es blieb eine nur relativ kleine Kernbelegschaft in den Zentren zurück.

Hier wurden zum Teil auch Forderungen der Arbeiterinnenkämpfe aufgenommen und auf eine für das Kapital produktive Weise umgesetzt. So ist die Flexibilisierung der Arbeitszeiten durchaus Ausdruck der Arbeitskämpfe der 1960er und 1970er Jahre, die unter anderem gegen die »9 to 5 world« (The Ramones) gerichtet waren; auch flache Hierarchien mögen auf den ersten Blick den Arbeitenden entgegenkommen. Der gewünschte Effekt war jedoch ein anderer: Die Arbeitsbelastung verschärfte sich und das Arbeitspensum stieg. Gleichzeitig kontrollierten sich die Belegschaften selbst und wurden letztlich vielfach Managerin in eigener Sache. Die Internalisierung der kapitalistischen Verhältnisse durch das Individuum ist eines der wesentlichen Ergebnisse des sogenannten Neoliberalismus. Jedes Individuum ist seine eigene Ich-AG und muss sein Leben lang daran arbeiten, seine Arbeitskraft für den Markt in Form zu halten. Dies geht bei der frühkindlichen Förderung los, setzt sich über den Fitness-Kult bis hin zum sogenannten lebenslangen Lernen fort. Nichts wird heute mehr einfach so gemacht, alles dient der Verwertung des eigenen Ichs. Zeitgleich gab es eine Zunahme sogenannter Sweatshops in der Peripherie, in denen unter miesesten Arbeitsbedingungen »just in time« produziert wird. Dieser sowohl technologische als auch räumliche Fix10{#footnoteref10_qplmonl .see-footnote} ermöglichte es dem Kapital, rentabler zu produzieren und gleichzeitig die Arbeiterinnenmacht, jedenfalls fürs Erste, zu brechen.

4\ Dennoch blieben die grundsätzlichen Krisentendenzen der kapitalistischen Produktion bestehen, wie nicht zuletzt die Finanzialisierung des Kapitals, das heißt die Verlagerung des Kapitals von der nicht mehr lukrativen Produktionssphäre in die Finanzwirtschaft, belegt. So stand der Dow-Jones-Index Mitte der 1970er noch deutlich unter der Marke von 1000 Punkten und erhöhte sich um das circa 14-fache auf über 12.000 Punkte im Jahr 2001 und stand 2007 sogar schon über 14.000 Punkten.11{#footnoteref11_wie875d .see-footnote} Während sich die Arbeiterinnen der Peripherie aber in den letzten Jahrzehnten nicht ohne gewisse Teilerfolge wehrten, wie die Klagen der Unternehmer über die Lohnsteigerungen der chinesischen und indischen Arbeiterinnen in letzter Zeit zeigen,12{#footnoteref12_ryaqepm .see-footnote} gelang dies den Arbeiterinnen in den alten Zentren kaum.

5\ Die stetigen Verschlechterungen der Arbeitsverhältnisse in den Metropolen, die etwa in England und den USA schon in den 1980er Jahren mitunter gegen große Gegenwehr durchgedrückt wurden (Stichworte Reaganomics und Thatcherism), konnten in Deutschland erst mit der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder endgültig durchgesetzt werden und fanden ihren Ausdruck in erster Linie in der sogenannten Agenda 2010. Diese beinhaltete neben den berüchtigten Hartz- Gesetzen auch die bereits beschriebene massive Ausweitung der Leiharbeit. Daneben wurden aber auch befristete und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse wie Mini- oder Midijobs und prekäre Formen der Selbständigkeit (etwa die Ich-AGs) sowie staatliche Zwangsarbeitsverhältnisse wie Ein-Euro-Jobs durchgedrückt. Wie erfolgreich die rot-grüne Bundesregierung war, analysiert eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung,13{#footnoteref13_hkf0zk0 .see-footnote} die zeigt, dass sich der Anteil der jungen Erwachsenen in sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnissen von 1997 bis 2007 mehr als verdoppelt hat. 2007 arbeiten knapp 40 Prozent der Berufseinsteiger in Leiharbeit, als Teilzeitkraft oder in einer befristeten Stelle. Die seit knapp zehn Jahren betriebene Ausdehnung und Liberalisierung der Leiharbeit in Deutschland ist also ein Ausdruck einer allgemeinen Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in den alten kapitalistischen Zentren mit dem Zweck, die Arbeitskraft besser zu verwerten. Sie ist für das Kapital notwendig, da die stetig sinkende Profitrate eine Erhöhung der Ausbeutungsrate erfordert.

Anhand der Leiharbeit können mehrere Merkmale dieser Welle beispielhaft aufgezeigt werden. Die Arbeitskraft soll möglichst flexibel und zu einem möglichst geringen Preis ausgebeutet werden. Zusätzlich wird durch das Nebeneinander einer immer kleiner werdenden Kernbelegschaft -- mit relativ sicheren Arbeitsbedingungen und vergleichsweise höheren Löhnen -- und Leiharbeiterinnen, die teilweise wöchentlich ihre Arbeitsstelle wechseln, die Belegschaft gespalten. Auf die Festangestellten dürfte die alltägliche Begegnung mit den schlechter gestellten Leiharbeiterinnen disziplinierend wirken, wenn deren Los als eigene Perspektive im Falle einer Kündigung oder Standortschließung erscheint.

6\ Aus der Analyse der Leiharbeit als Beispiel für die neuen unsicheren, flexiblen und noch schlechter bezahlten Arbeitsverhältnisse können sich daher wichtige Informationen über die veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterinnenklasse und deren Kampfbedingungen ergeben. Als Gruppe beschäftigen wir uns daher seit Längerem mit dem Thema Leiharbeit. Neben der Diskussion von Erfahrungen und Texten engagierten wir uns im »Bündnis gegen Leiharbeit«, das mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen in Freiburg versuchte, die Problematik der Leiharbeit an konkreten Beispielen aufzuzeigen. Es wurden mehrere Stadtspaziergänge durch die Freiburger Innenstadt, eine Filmreihe und Informationsveranstaltungen im örtlichen Autonomen Zentrum, in (nicht szenetypischen) Kneipen und in einem Stadtteilzentrum organisiert. Dazu wurden mehrere Flugblätter zum Thema geschrieben und verteilt.

Der Organisationsaufwand und der Papierausstoß waren also groß, jedoch blieb die erhoffte Resonanz seitens der Leiharbeiterinnen aus. Stattdessen fand sich auf Veranstaltungen eine zwar wohl gelittene, aber altbekannte Klientel ein. Diese Form der politischen Arbeit schien am Interesse der Arbeiterinnen vorbei zu gehen. Offenbar war es nötig, mit ihnen in einen Dialog zu treten, anstatt ihnen unsere »fertigen« Analysen ihrer Situation in Form von Flugblättern oder Redebeiträgen vorzusetzen. Aus dieser Überlegung heraus versuchten wir, angelehnt an frühere Versuche, wie sie unter anderem von Marx bis hin zu den Operaisten unternommen worden waren, einen Fragebogen zu entwickeln, der sich speziell an Leiharbeiterinnen richtet; einerseits um in Kontakt mit Leiharbeiterinnen außerhalb unseres eigenen sozialen Netzes zu treten und so einen Einblick in deren Lebens- und Arbeitsrealitäten zu gewinnen. Andererseits wollten wir jedoch nicht unsere kritische Position aufgeben und nur passiv Informationen sammeln, sondern durch bestimmte Fragen zur Bewusstseinsbildung beitragen; wir wollten uns nicht als Analytiker der heutigen Klassenstruktur auf Grundlage einer wissenschaftlich »neutralen« Position darstellen, sondern strebten einen Austausch »auf Augenhöhe« an.

Besonders zwei Intentionen unterscheiden dabei unsere Herangehensweise von der einer soziologischen Untersuchung. Erstens wollen wir keine Untersuchung von außen betreiben. Wir sind nicht nur nach unserer Stellung im Produktionsprozess als Festangestellte, Leiharbeiterinnen, Auszubildende, Studierende und Arbeitslose Teil der selben Klasse, sondern auch unseren Anliegen nach. Wir wollen eben nicht objektive Studien über die heutige Realität von Arbeiterinnen betreiben, sondern den gemeinsamen Kampf stärken: Nicht für die Klasse, sondern als Teil von ihr. Zweitens wollen wir -- und das ergibt sich aus unserem oben dargestellten Verhältnis zur Klasse -- nicht innerhalb der Produktionsverhältnisse Probleme aufdecken, um sie zu lösen; wir wollen die Widersprüche also nicht glätten, sondern sie zuspitzen. Dieser Anspruch, ohne den eine solche Untersuchung sinnlos wäre, ist theoretisch leicht formuliert und wird kaum Widerspruch von Seiten emanzipatorisch eingestellter Menschen ernten. In der Realität ist diese Abgrenzung zur Soziologie bei weitem schwieriger. Wie können wir die gewonnenen Erkenntnisse auch einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung stellen oder gar eine Anleitung zu einem Handeln daraus ableiten, das nicht auf eine kosmetische Besserung der Verhältnisse zielt, sondern auf deren Aufhebung? Der vorliegende Fragebogen ist somit eher als ein Instrument zu sehen, mit dem Menschen zum Nachdenken über ihre Situation angeregt werden sollen. Sicherlich wäre es auch wünschenswert, einen kontinuierlicheren Austausch herzustellen, um daraus eine gemeinsame Praxis abzuleiten.

7\ Der Fragebogen wurde in Freiburg an verschiedenen Stellen ausgelegt, an denen er auch ausgefüllt zurückgegeben werden konnte, zusätzlich wurde er an verschiedene Portale und Foren im Internet verschickt und steht auf unserer Homepage bereit. Dort wurde der Bogen dann auch von einer Reihe Menschen ausgefüllt. Hier ein erster kurzer Überblick über die beantworteten Fragebögen. Als erstes Ergebnis lässt sich festhalten, dass es »die Leiharbeit« nicht gibt, sondern dass die beschriebenen Arbeitsverhältnisse sich deutlich unterscheiden. Auch innerhalb der Leiharbeit gibt es bessere und schlechtere Jobs. Die Leiharbeiterinnen, die unseren Bogen ausgefüllt haben, arbeiten alle in verschiedenen Firmen, und zwar sowohl in Hinblick auf die Entleih- als auch auf die Verleihfirmen, so dass wir einen relativ breiten Überblick über die Arbeitsfelder erhielten. Diese erstreckten sich vom Produktionsbereich (etwa in einer Fahrradfabrik) über den Einzelhandel bis hin zu Bürotätigkeiten in der Verwaltung. Keine und keiner derjenigen, die den Fragebogen ausgefüllt haben, wird ihrer/seiner Ausbildung entsprechend bezahlt. Der Stundenlohn bewegte sich bei allen im Niedriglohnbereich zwischen 5,00 und 7,90 Euro. Die Beschäftigungsdauer variierte hingegen stark: von zwei Monaten bis zu vier Jahren. Ebenso unterschiedlich war das Verhältnis der Leiharbeiterinnen zu den Festangestellten in den Betrieben, es lag zwischen 30 : 1 und 40 : 700. Auch das Zahlenverhältnis zwischen Frauen und Männern und Menschen mit und ohne deutschen Pass variierte je nach Branche erheblich. Der lange Teil des Fragebogens, der Streiks, Organisierung und Gewerkschaften betrifft, wurde mangels Kämpfen nur sehr sporadisch ausgefüllt. Auffällig war, dass sich keiner der Ausfüllenden von den Gewerkschaften vertreten fühlt und kaum Hoffnung in politische Organisationen, wie Parteien oder außerparlamentarische Gruppen, besteht. Lediglich die Linkspartei und die radikale Linke wurden vereinzelt genannt. Dies ist eine erste Gemeinsamkeit der Antworten, die insgesamt ein zwar illusionsloser, aber resignierter Ton durchzieht. Obwohl man mehr schlecht als recht über die Runden kommt, hat kaum jemand Hoffnung, dass die eigene Lebenssituation besser werden könnte.

Die Chancen, einen »regulären« Job zu bekommen oder frühzeitig in Rente gehen zu können, werden pessimistisch gesehen, ebenso herrscht Pessimismus im Hinblick auf mögliche Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in der Leiharbeit. Somit ergibt sich aus den ausgefüllten Fragebögen zusammenfassend, dass die Leiharbeit die Menschen noch mehr fertig macht als die »normale« Lohnarbeit. Das Kapital stört sich daran sicherlich zuletzt.

Ob sich daraus auch Chancen ergeben? Erhöht beispielsweise die Tatsache, dass man sich von Parteien und Gewerkschaften -- die sonst dafür zuständig sind, Kämpfe in geordnete Bahnen zu lenken -- nichts erhofft, die Wahrscheinlichkeit, dass zu selbst bestimmten Kampfformen gegriffen wird? Das lässt sich aus den Antworten nicht ableiten. Zumindest verhindern die ständigen Wechsel von einem Betrieb zum anderen, aber auch von einer Tätigkeit zur anderen es weitgehend, dass sich in der Leiharbeit der reaktionäre »Produzentenstolz« entwickelt. Und dieser hat sich noch immer als Hemmnis für den Kampf gegen die Lohnarbeit erwiesen.

  • [1. Im folgenden Text wird ausschließlich der weibliche Genus verwendet.]{#footnote1_y8qrncx}
  • [2. http://www.bpb.de/wissen/5ZCX6D]{#footnote2_cj55d28}
  • [3. http://www.bpb.de/files/OM11VQ.pdf]{#footnote3_50d1mxs}
  • [4. Bundesagentur für Arbeit, Der Arbeitsmarkt in Deutschland: Zeitarbeit - aktuelle Entwicklungen, www.arbeitagentur.de]{#footnote4_7xo8yul}
  • [5. http://m.zdf.de/h/1/0,6741,8238957,00.html]{#footnote5_ito8r7o}
  • [6. http://www.bza.de/fileadmin/bilder/2011/Zeitarbeitsstatistik.pdf]{#footnote6_79b9h64}
  • [7. Eine genauere Auseinandersetzung mit diesen Gründen findet sich in: Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft, Thesen zur Krise, Kosmoprolet 2 (2009), 16-49.]{#footnote7_lx1gw47}
  • [8. Karl Marx, Das Kapital. Erster Band, Marx Engels Werke, Bd. 23, 640ff.]{#footnote8_0qp6d54}
  • [9. Mouvement Communiste, Der Mai/Juni 1968. Eine verpasste Gelegenheit der Arbeiterautonomie, Beilage zur Wildcat 81 (2008).]{#footnote9_2ofa0t8}
  • [10. Beverly Silver, Forces of Labor. Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870, Berlin, Hamburg 2005.]{#footnote10_qplmonl}
  • [11. Samuel H. Williamson, Daily Closing Value of the Dow Jones Average, 1885 to Present, MeasuringWorth, 2011, www.measuringworth.com/DJA/]{#footnote11_wie875d}
  • [12. Vgl. China verabschiedet sich von Billigproduktion, Wirtschaftswoche, 16.6.2010; Turnschuhfertigung in China ist Adidas zu teuer, Die Welt, 26.7.2008.]{#footnote12_ryaqepm}
  • [13. Berufseinsteiger bekommen kaum noch feste Stellen, Die Welt, 13.9.2010.]{#footnote13_hkf0zk0}
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